Stadtteilzeitung Hildesheim West
Nr. 232 · November 2012
Der Verlag:
Moritzberg Verlag
Unterstützer für die Webversion:
Bäckerei Krone

70 Jahre danach

Auf den Spuren der 71.Infanteriedivision

Die Geschichtswerkstatt „Vergewisserung“ ist auf der Spurensuche nach Männern aus der 71. Infanteriedivision, die 1939 in Hildesheim aufgestellt wurde. Läßt sich rekonstruieren, wie die Männer damals unterwegs waren? Als „willige Helfer“, „Eroberer von Lebensraum im Osten“, als Gezwungene, als „Verführte“? In vielen Familien steht zur Debatte: Wirft man den ganzen alten Kram einfach in die Tonne oder verscherbelt man die ollen Bilder und Briefe noch im Internet an Militariasammler? Die Geschichtswerkstatt will dazu animieren, noch einmal genau hinzugucken, will sammeln, will sondieren und untersuchen: Sind Fragen der Geschichte offen geblieben, oder zeigen sich noch Lücken?

Auslöser für das Projekt war der Besuch eines Geschichtskurses des Gymnasiums Andreanum mit ihrem Oberstudienrat Bernhard Setzer und Dr. Thomas Muntschick von Radio Tonkuhle im ostfranzösischen Villy-La Ferte 2010. Geplant ist zum Jahrestag des Einschlusses der 6. Armee in Stalingrad, der die 71. ID unterstellt war, eine Ausstellung zu eröffnen. Sie thematisiert die militärische Infrastruktur der Garnisonsstadt Hildesheim, den Kriegsschauplatz Villy-La Ferte, sowie den Weg der Division zum Schauplatz Stalingrad (Lemberg-Lwow, Kiew 1941, Charkow 1942). Orte und Ereignisse sollen vor allem aus der Perspektive von Soldaten geschildert werden.

Ein Anliegen der Geschichtswerkstatt ist das Anlegen einer Kriegsteilnehmerliste dieser Division. Wer Hinweise darauf hat, dass ein Familienangehöriger in dieser Einheit diente, wird gebeten, den Namen beim Projekt zu melden. Gleichzeitig ist die Geschichtswerkstatt bei der Klassifizierung etwa alter Fotos, Briefe und anderer Unterlagen behilflich. Bislang sind fast 20 Biografien von Männern aus der 71. ID zusammengetragen.

Man erreicht die Gruppe über Friedel Holze, Tel. 26 38 84
E-Mail i.u.f.holze@t-online.de
Dr. Thomas Muntschick, Tel. 29 60 90
E-Mail tmuntschick@tonkuhle.de
und Bernd Schiller, Tel. 05181 / 806 66 17.
Thomas Muntschick

Gesucht wird

Uffz Franz H. ID 71, IR 191, 3. Kompanie, Frankreich 1940, verwundet zwischen 14. und 18.5.1940 bei Villy/Blanche Champagne.

„Als Sextaner war ich in Hildesheim bei meinem Onkel in der Zierenbergstraße in Pension untergebracht. Unterhalb des Krehla spielten wir mit einem von mir zur Verfügung gestellten Lederball straßenfußball. Katholische Kinder gegen evangelische. Nach dem sonntäglichen Kirchenbesuch wurde den Katholiken das Spiel gegen die „Lutherböcke“ offenbar von ihren Geistlichen untersagt. Die übrigen Tage spielten wir dann doch wieder gegeneinander. Der damals 12-jährige Protestant Franz H. war dabei der erfolgreichste unserer „evangelischen“ Mannschaft.

Später in meiner Tanzstunde war ich wieder auf dem Moritzberg in Pension. Wir sahen uns auf unseren täglichen Wegen: Er als Formerlehrling in einen Industriebetrieb und ich zum Gymnasium. In Arbeitskleidung trug er immer eine schwarze Ledertasche unter dem Arm und ich machte durch die damals noch übliche Klassenmütze meiner Lehranstalt auf mich aufmerksam. Wir sprachen nicht miteinander aber winkten uns als alte Bekannte freundschaftlich zu.

Bei meiner Versetzung zur Fronttruppe in den Westen wurde ich rein zufällig der dritten Kompanie des  IR 191 mit dem Gruppenführer Unteroffizier Franz H. zugeteilt. Angesichts militärischer Befehlsstrukturen in Kriegszeiten sprachen wir nie über die alte Bekanntschaft von früher.“
Quelle: Carl Behrens, Als Landsknecht in Hitlers Revolutionsarmee, vertont von Radio Tonkuhle unter dem Titel „Villy 1940“.
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